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Forum schon gemeldet? Kein Aprilscherz!

Erstellt von Ralf_aus_Do, 26.10.2006, 12:03 Uhr · 22 Antworten · 2.398 Aufrufe

  1. #21
    Avatar von Ralf_aus_Do

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    Re: Forum schon gemeldet? Kein Aprilscherz!

    Nun gerade in meiner Sonntagszeitung gelesen

    Zitat Zitat von Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
    Speichern unter: Kulturerbe

    Jeder Chat ein Dokument: Wie die Deutsche Nationalbibliothek das deutschsprachige Internet archivieren will


    Archivarin des Augenblicks: Ute Schwens, Leiterin der Nationalbibliothek in Frankfurt, weiß auch nicht, was für zukünftige Generationen einmal relevant sein wird.

    Es ist fast, als hätte der Gesetzgeber Ute Schwens einen Löffel in die Hand gedrückt und gesagt: "Hier, bitte! Füllen Sie damit Vater Rhein in Flaschen, auf daß dieses nationale Naturerbe für alle Zeiten konserviert sei." In der Umsetzung ähnlich ambitioniert ist das Gesetz über die "Deutsche Nationalbibliothek". Am 22. Juli wurde es vom Bundestag verabschiedet und trat wenig später in Kraft. Es besagt im feinsten Fachchinesisch, daß die Nationalbibliothek als "bundesunmittelbare Anstalt" mit Standorten in Frankfurt, Berlin und Leipzig neben allen Publikationen aus und über Deutschland künftig auch deutsche "Medienwerke in unkörperlicher Form" archivieren muß. Oder in "körperlicherem" Deutsch: Alle Internetseiten, die ein "de" nach dem Punkt aufweisen. Ein Arbeitsauftrag, gegen den Sisyphus´ Schleppen des Felsbrockens wie ein leichtes Training der Oberarmmuskulatur wirkt. Schließlich gibt es im Internet schon jetzt mehr als zehn Millionen .de-Seiten - zehn Millionen Steine, die Ute Schwens, Leiterin der Frankfurter Nationalbibliothek, auf ewig in ihr Archiv befördern muß, was technisch ungleich aufwendiger als die altgriechische Strafarbeit ist. Doch warum das Ganze? Man könnte es doch auch mit Jacob Grimm halten, der schon 1843 Forderungen nach einer Sammlung aller deutschsprachigen Druckwerke mit einem lapidaren: "Wozu die übervollständige Anhäufung des Mittelmäßigen und Schlechten?" beerdigte - wenngleich nicht für die Ewigkeit, sondern nur bis 1912, dem Gründungsjahr der Deutschen Bücherei in Leipzig, die später in der Deutschen Nationalbibliothek aufging.

    Ute Schwens haucht ein "Nun, weil . . ." in die Weite ihres Penthousebüros. Sie überlegt, der Blick schweift durch das Panoramafenster hin zu Deutschlands bekanntester Skyline, in deren Fenstermeer sich die Mittagssonne spiegelt. Nun, weil niemand entscheiden könne, was künftige Generationen als relevant erachten, erzählt sie. Die Bewahrung des kulturellen Erbes gelte nicht nur für Bücher, sondern auch für das Internet - diese "einzigartige Quelle menschlichen Wissens und menschlicher Ausdrucksweisen", wie es pathetisch in einer Unesco-Charta hierzu von 2003 heißt. Die Medienlandschaft habe sich verändert, das Internet werde als Veröffentlichungsorgan immer wichtiger. Aber es ist auch ein bedrohtes Medium; wichtige Dokumente, ganze Seiten gar verschwinden per Mausklick auf Nimmerwiedersehen im digitalen Papierkorb. "Wenn man den Begriff Bibliothek ernst nimmt", sagt Ute Schwens im Brustton der Überzeugung, "muß man sich diesem Problem stellen, sonst wird man schnell zum Museum."

    Und wenn man das Internet ernst nimmt, muß man alles zum kulturellen Erbe rechnen und bewahren: den Online-Beichtstuhl und den Satanisten-Chat, haemoriden.de und eva-herman.de, Unten-ohne-Bilder von Paris Hilton wie Urlaubsbilder von Tante Trude oder Onkel Otto. "Aber nur wenn Onkel Otto mit Angela Merkel im Urlaub war", sagt Ute Schwens und lacht. Das ist nämlich der Haken an der vermeintlichen Vollständigkeit: Gesammelt werden sollen nur Medienwerke, die von "öffentlichem Interesse" sind. PR-Seiten oder Seiten, die für einen rein privaten Personenkreis bestimmt sind, gehören genausowenig dazu wie Auktions- oder Tauschbörsen.

    Wenn schon das Mittelmäßige und Schlechte bewahrt wird, so zumindest nicht das Unnötige - das würde auch Jacob Grimm gerade noch durchgehen lassen. Bloß dem Vollständigkeitsprinzip der Nationalbibliothek widerspricht es, ist sie doch dazu verpflichtet, jede in Deutschland erscheinende Publikation seit 1913 zu archivieren, von Büchern, über Karten bis hin zu CD-ROMs. Alles, was gedruckt oder gepreßt wird, muß in zweifacher Ausfertigung bei der Nationalbibliothek abgeliefert werden. Neu ist das nicht, so stand es schon im Vorgängergesetz von 1969. Neu ist aber, daß diese Abgabepflicht nun auch für Internetseiten gilt. Wer in Deutschland eine Internetseite schaltet, muß sie künftig "vollständig, in einwandfreiem, nicht befristet benutzbarem Zustand" der Nationalbibliothek zukommen lassen. Sonst droht - theoretisch - eine Buße von bis zu 10 000 Euro.

    Ute Schwens trommelt mit den Fingern auf den Konferenztisch. Ihr Seufzen deutet an, daß in der Praxis alles noch viel komplizierter ist: "Im Gesetz steht gleichfalls, daß ,Medienwerke in unkörperlicher Form nach den Maßgaben der Bibliothek auch zur Abholung bereitgestellt werden´ können." Wenn also Onkel Otto seine Schnappschüsse vom Bierhumpenstemmen auf dem Cannstatter Wasen ins Netz stellen will, muß er was genau machen, damit dieses Kulturerbe für die Nachwelt konserviert wird? "Am besten gar nichts", winkt Ute Schwens ab. Denn wie das Abliefern und Abgeben technisch und administrativ funktionieren soll, ist unklar. ",Nach Maßgaben der Bibliothek´ heißt, daß diese Maßgaben erst erstellt werden müssen." Eine Pflichtablieferungsverordnung ist in Arbeit, aber noch nicht fertig.

    Überhaupt ist ziemlich viel noch nicht fertig: Wie soll das Internet archiviert werden? Kommen dabei flächendeckend "Harvester" zum Einsatz, also Suchmaschinen, die alle auf -.de endenden Adressen ein- oder zweimal im Jahr "abernten" und ein Bild des Internets zu einem bestimmten Zeitpunkt erstellen? Skandinavische Nationalbibliotheken arbeiten bereits damit. Und was macht man mit Nachrichtenseiten wie "Spiegel Online", die stündlich oder öfter aktualisiert werden? Werden die dann auch stündlich archiviert? Wahrscheinlich. Nicht zu vergessen die gesperrten Seiten, sind sie in der Nationalbibliothek weiter zugänglich? "Natürlich", sagt Ute Schwens und nickt mit dem Kopf, so daß ihre Kurzhaarfrisur wackelt, "aber nur für denjenigen, der eine Erlaubnis der Behörde vorweisen kann, die die Seite aus dem Netz genommen hat." Bleibt die wichtigste Frage: Wie sollen die riesigen Datenmengen gespeichert und verwaltet werden? Daran zumindest wird schon gearbeitet, im Projekt KOPAL, einer Zusammenarbeit mit der Königlichen Bibliothek der Niederlande, der Universität Göttingen und dem Max-Planck-Institut. Gefördert wird KOPAL vom Bundesforschungsministerium. Eins ist klar: CD-ROMs sind ungeeignet: zu anfällig für Temperatur und Feuchtigkeit, zu wenig Speicherplatz. Wer die CD-ROM für ein Medium der Zukunft hält, der dachte in den Achtzigern auch, daß die Mauer noch in hundert Jahren stehen würde.

    Bleibt ein weiteres Problem: Wie kann man beispielsweise eine PDF-Datei, die sich heute mit dem Acrobat-Reader, Version 4 öffnen läßt, auch noch in dreißig Jahren auf Acrobat 94 lesen? Das geht nur, indem man Dateien wieder und wieder an die aktuelle Software anpaßt oder die vergangene Rechnerumgebung auf modernen PCs nachstellt. Während also der Computer von übermorgen ist, stammt die installierte Software von vorgestern.

    Man sollte meinen, daß all dies im Vorfeld des Gesetzes, das von Christina Weiss, der ehemaligen Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, ersonnen und von ihrem Nachfolger Bernd Neumann durch den Bundestag geprügelt wurde, hätte geklärt werden können. Doch das Gesetz ist als noch zu erreichendes Ziel gedacht. Eine Operation am offenen Herzen: Der Patient liegt auf dem Tisch, die Chefärztin ist auch schon da. Skalpell und Schwestern gibt es aber erst 2007. Dann nämlich werden die nötigen Finanzmittel zur Verfügung gestellt.

    Bis zu 28 neue Stellen sollen laut Gesetz bis 2011 geschaffen werden. Dabei ist nicht einmal sicher, ob die zugesagten 1,9 Millionen Euro jährlich, später 2,9 Millionen, reichen. Alles was die Leiterin der Frankfurter Nationalbibliothek und ihre Mitarbeiter jetzt tun können, ist, eine Arbeitsvorgabe zu erstellen: Zuerst werden Publikationen archiviert, die auch im Internet zur Verfügung stehen, Dissertationen etwa. Dann interaktive Veröffentlichungen wie Foren und Weblogs. Erst danach folgt das Gros des deutschen Internets. Dieser Fahrplan ist jedoch nur der Prolog. Für ein Drama. Für eine Komödie. Für eine Erfolgsgeschichte, wer weiß? Ute Schwens´ Hand schwitzt nicht einmal, als sie sie zum Abschied reicht.

    RAOUL LÖBBERT


    Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.10.2006, Nr. 43 / Seite 33

  2.  
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  3. #22
    Met Prik
    Avatar von Met Prik

    Re: Forum schon gemeldet? Kein Aprilscherz!

    Ist ja mal wieder typisch. Gesetz verabschieden und sich dann erst Gedanken darueber machen, wie man das Ganze ueberhaupt umsetzen kann/soll/wird.

  4. #23
    Avatar von martinus

    Registriert seit
    25.06.2003
    Beiträge
    2.958

    Re: Forum schon gemeldet? Kein Aprilscherz!

    Da möchte ich doch lieber das gesamte Internet auf DVDs geliefert bekommen.
    Wer geht denn heute noch in eine Bibliothek und liest Bücher?


    Martin

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